20.10.2021

Das Urteil

CIMG1568 Ponferada Templerburg.jpg„Sie haben den Tod verdient, nichts als den Tod.“ Als er diesen Satz ausspricht, herrscht absolute Stille in dem großen Saal. Viele Menschen lauschen seinen Worten. Dennoch kein Räuspern, kein Niesen, kein Wispern erklingt in diesem Raum. Es ist als hätte jemand die Zeit, den Raum, selbst die Luft in ihm, einfach stillstehen lassen in genau diesem Augenblick.
Der Mann, an den dieser Satz gerichtet ist, sinkt zurück in seinen Anzug, versinkt hinter dem perfekten Äußeren. Sein Gesicht gleicht nun mehr einer Fratze, in die ein Mensch nicht gerne hineinschaut, weil das Hässliche ihn so sehr abstößt.
Jetzt ist alles gesagt, alles trat ans Licht während der unzähligen Stunden und Tage innerhalb der Beweisaufnahme. Sämtliche Einwohner der Stadt haben nach diesem Urteil allen Grund zu feiern. Es ist beendet, alles wurde ans Licht geholt, jeder, der an der Wahrheit interessiert ist, kennt diese nun. Doch keiner feiert. Hat sich die Stille aus dem Gerichtssaal über den ganzen Ort gelegt? Warum löst sich der ursprünglich verworrene Knoten nicht so ganz auf? Was gibt es noch zu tun?
Carla schreitet durch die Straßen. Sie ist allein. Sie möchte nicht allein sein und betritt eine kleine, urige Kneipe. Es läuft keine Musik, zwei Männer sitzen an einem Tisch, eine Hand am Bierglas, schweigend. Sie geht zum Tresen, „Guten Abend Christoph. Ich nehme auch ein Bier.“
„Das ist auch das einzige, was ich Dir bieten kann, außer Wasser.“
„Wie jetzt, kein Wein  mehr? Dein Keller war doch stets voll.“
„Ach Carla. Du weißt doch, wie es aussieht, oder?“
„Eigentlich hast Du Recht. Ich weiß es.“
„Wir alle wissen es und hoffen.“
Carla nickt, nimmt ihr Glas und geht hinüber zu den beiden Herren am Tisch. „Ist‘s Euch recht, wenn ich mich dazu setze?“
Carla erntet ein stilles Nicken, rückt einen Stuhl und setzt sich an den Tisch.
„Was sagt Ihr zu dem Urteil?“
Die beiden Männer am Tisch schweigen erst einige Zeit, drehen ihre Gläser auf den Untersetzern, dann beginnt einer von beiden zu reden:
„Ich weiß nicht, kann man solch ein Urteil fällen? Haben wir das Recht einen Menschen zum Tode zu verurteilen?“
„Ich finde das Urteil richtig. Nach dem, was ans Licht gekommen ist.“
„Jetzt hör aber auf, Manni. Woher willst Du wissen, ob das alles wahr ist?“
„Weil ich im Gerichtssaal saß, weil ich zuhörte.“
„Und doch kannst du nicht in ihn hineinschauen.“
„Nein, aber das brauche ich auch nicht. Ich sehe seine Taten.“
„Reicht dir das?“
„Dann nenne mir doch bitte eine gute Tat, die er vollbracht hat?“
„Er ließ die Straße durch den Ort neu errichten.“
„Ja und hat dabei sämtliche Bäume vergessen. Nicht einer steht mehr oder wurde neu gepflanzt.“
„Was ist mit dem neuen Wasserwerk?“
„Das hatte sein Vorgänger bereits geplant und den Bau begonnen. Leider ist er kurz danach verstorben.“
„Bist du überhaupt bereit, das Gute in diesem Menschen zu suchen, Manni?“
Der Angesprochene schaut abrupt von seinem Glas Bier auf.
„Ich weiß nicht.“ Seine Worte klingen jetzt kleinlaut, so als wolle er all das zuvor Gesagte mit ihnen sanft zudecken. „Ich hasse ihn. Ehrlich. Seine Entscheidungen brachten so viel Leid unter uns. Selbst unsere Freundschaft wär’ fast zerbrochen.“

Fortsetzung folgt….

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Herzlichst Hermine

Hermine - 21:58:49 @ Eine alte Welt zerfällt | Kommentar hinzufügen