Lebendigkeit

 

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26.06.2021

Werden Pläne wirklich geschmiedet oder gleichen sie eher einem Kartenhaus?

CIMG2473.jpg  Am Freitagmorgen kaufte ich ein. Ich wollte für Marco und mich eine Kleinigkeit kochen, als mein Handy klingelt.
„Hallo, ich bin’s.“
„Hallo Marco!?“, rief ich ziemlich verwundert ins Telefon.
„Du, ich muss heute leider absagen.“
„Was? Wieso denn?“
„Meine Exfrau will mit mir und unserer Tochter in ein Spaßbad fahren. Da möchte ich schon gerne mit.“
Ich stehe am Gemüsestand und sage nichts.
„Bist du noch dran?“
„Ja.“
„Bist du jetzt sauer? Aber das musst du doch verstehen! Meine Tochter ist mir einfach das Wichtigste.“
„Ja, das verstehe ich. Lebwohl, Marco.“ Und ich lege auf.

***

Das Wochenende verbringe ich mit putzen, kochen und schreiben. Ich möchte niemanden sehen. Möchte meine Gedanken und Gefühle verstehen und die meiner Mitmenschen.
Natürlich verstehe ich, dass ihm seine Tochter wichtig ist. Aber sie wohnt im gleichen Ort und seiner Erzählung nach sehen sie sich sehr oft. Häufig übernachtet sie einige Tage bei Marco. Also was ist der wahre Grund für diese Absage? Und was macht diese Absage mit mir?
Ich fühle mich, als hätte mich jemand wie einen schäbigen Koffer in einer Haltestelle geparkt mit den Worten: „Dich hole ich auf meinem Rückweg wieder ab.“ Bin ich überhaupt noch geeignet für eine richtige Beziehung? Mit Ferdinand schreibe ich mir täglich Nachrichten, wir lachen oft gemeinsam und führen tiefgründige Gespräche. Aber mein Herz ist nicht dabei. Mit Marco sind die Gespräche ähnlich tief reichend, wenn auch seltener. Unser Sex war sehr einfühlsam, fast als würde er mich zum Höhepunkt tragen. Bin ich in meiner Entwicklung soweit vorangeschritten, dass meine Ansprüche an eine Partnerschaft unerfüllbar sind? Ist es mir nur noch möglich ich selbst zu sein, wenn zwei Männer in meinem Leben ihren Platz haben? Einen für die platonische Liebe und einen für die körperliche? Solche und ähnliche Fragen tauchen in mir auf und entschwinden wieder. Doch Antworten finde ich nicht.
Es ist der neunzehnte Dezember. Wie gewohnt starte ich in den Tag mit einem Blick auf mein Handy und entdecke eine Nachricht von Ferdinand. Irgendwie hat sich die tägliche Kommunikation bereits fest in unseren Tagesablauf integriert. Und doch löst sie täglich Freude in mir aus.
„Guten Morgen. Was machst du heute?“
„Yoga, Frühstück, dann werde ich an meinem Buch arbeiten und am späten Nachmittag treffe ich mich mit einem Tontechniker in Berlin.“
„Mit einem Tontechniker? Was hast du vor?“
„Ich möchte mein Buch als Hörbuch aufnehmen.“
„Na dann, wünsche ich dir gutes Gelingen!“
„Danke! Und du, was hast du geplant?“
„Ich werde eine Fotoausstellung besuchen.“
„Viel Spaß und bis heute Abend!“
Mein Tag verläuft genau wie beschrieben. Fast.
Als ich endlich auf dem Hauptbahnhof ankomme, ist mir klar, dass ich mich um wenige Minuten verspäten werde. Ich nehme mein Handy und tippe auf den Kontakt von Sebastian und auf die Rufnummer. Es läutet.
„Ja, hallo.“ Das ist nicht Sebastian. Es ist eine wunderschöne, sanfte, männliche Stimme und in meinem Herzen breitet sich ein Gefühl aus, das ich schon viele Jahre nicht mehr spüren durfte. Liebe.
„Hallo?“ Fragt diese Stimme erneut.
„Hallo Ferdinand. Ich bin es. Ich habe mich verwählt.“
„Das macht nichts.Dann bis später. Ciao.“
Ich wähle erneut und diesmal erreiche ich Sebastian. Aber das Gefühl vergesse ich nicht mehr. Sebastian und ich klären die Termine für die Aufnahmen und den Preis, schlendern noch über den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche, trinken einen Glühwein und verabschieden uns.
Endlich wieder allein – sofern man das in einer Berliner S-Bahn sein kann – rufe ich Ferdinand an.
„Ja, hallo.“
„Du Ferdinand, ich muss dir was sagen.“
„Schieß los. Ich höre.“
„Vorhin, als ich mich verwählt habe, fühlte ich mich als ob ich dich in dem Augenblick umarmen würde.“
„Du hast es. Denn auch ich fühlte die Umarmung.“
„Ich glaube, ich liebe dich.“ Mir laufen die Tränen.
„Das ist wunderbar. Ich freue mich darüber. Denn ….. ich empfinde ähnlich für Dich.“
„Weißt du was, jetzt habe ich den Hauptbahnhof verpasst. Ich muss eine Station zurück.“
„Bleib ganz ruhig, du kriegst das schon hin. Ruf mich bitte an, wenn du Zuhause bist, ja?“
Wenn er wüsste. Ich laufe hier tränenüberströmt Treppauf und Treppab, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Und doch finde ich irgendwie zum Zug und mit ihm nach Hause.  

Hermine - 17:31:47 @ Am Ende sind wir alle nackt | Kommentar hinzufügen