Lebendigkeit

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 Herzlichst Hermine und Reinhold

 

 


29.08.2021

Freundinnen

Schutzengel.jpgAls Paula am nächsten Morgen wieder allein im Haus ist, fühlt sie sich unendlich leer, weiß nicht recht wohin mit sich, ihrem Leben und ihrer Liebe. Sie erinnert sich an unzählige körperliche Zuwendungen von Malte, sieht wie sie sich liebten in Hotelzimmern, Zuhause oder in der schützenden Dunkelheit ihres Gartens. Sie erinnert sich an Gespräche bis tief in die Nacht hinein. Wohin ist dieses Leben entwichen? Wie konnten sie zulassen, dass ihre Liebe sich klammheimlich zurückzog?
Sie hat keine Antworten auf ihre Fragen, sondern fühlt sich gefangen in einem Gestrüpp, das keinen Weg offenbart, selbst ein Trampelpfad ist nicht zu entdecken. Die Pflanzen winden sich um ihre Füße, um ihre Beine, halten sie regelrecht fest. „Ich streife sie jetzt ab. Dieser Stillstand ist doch furchtbar. Es muss einen Weg geben und ich finde ihn.“
In diesem Augenblick, da sie die Sätze beendet, läutet das Telefon. „Hallo! Hier ist Paulas Pension. Was darf ich für Sie tun?“
„Hey Paula! Ich bin zurück!“
„Hallo Christina, das ist ja toll, dass Du Dich meldest. Ein Lichtstrahl in meinem trüben Alltag.“
„Nun übertreib mal nicht so.“ Beide Frauen lachen dieses Lachen, was zwei Herzen mit einander schwingen lässt. „Was ich eigentlich von Dir will: Hast Du Lust auf eine Tasse Kaffee?“
„Mit Dir immer!“
„Dann bis gleich? Du weißt wo?“
„Na klar, bis gleich!“
Paula zieht sich eine Jacke über, geht in den Garten, öffnet den Schuppen, greift ihr Fahrrad und fährt durch die Gassen. Als sie die Kirche erreicht, stellt sie gegenüber am Café ihr Rad ab und nimmt beschwingt die drei Stufen zur Tür. Ihre Freundin sitzt bereits an einem der Tische.
Während sie sich umarmen, wiegen sich ihre Körper leicht wie Gräser im Wind. „Ich freue mich Dich zu sehen. Wie lange warst Du eigentlich unterwegs? Ein halbes Jahr?“
Christina schmunzelt und schaut Paula nun an. „Nein, es waren nur vier Wochen. Aber es war toll. Glaub mir. Ich würde sofort wieder fahren. Wie eine andere Welt, eine andere Zeit. Ich habe in Jurten übernachtet, Wüste, Steppe und überaus gastfreundliche Menschen erleben dürfen…..“
Sie erzählt und Paula ist fasziniert von diesem Abenteuer, vergisst die vielen Fragen, vergisst ihre Familie für einige Zeit, taucht ein in Bilder und Reisebeschreibungen.
„Das muss ja wirklich überwältigend gewesen sein.“ Etwas traurig klingt ihre Stimme.
„Was hast Du, Paula? Bedrückt Dich etwas?“
„Ja, ich weiß nicht mehr wer ich bin, Christina. Ich habe eine Leere in mir, die so unbeschreiblich ist, wie Deine Reise. Ich weiß nicht mehr, was ich will, wer ich bin, wie ich leben möchte. Es ist als ob ich mich überhaupt nicht kenne.“
„Ich glaub, Du musst mal raus, aus Deinem Trott.“
„Vielleicht hast Du Recht mit dieser Aussage. Aber kann ich denn meine Familie einfach so alleinlassen?“
„Wo steht geschrieben, dass eine Frau Jahre lang jeden Tag ihren Lieben zur Verfügung stehen muss? Das schafft niemand. Jeder darf, nein muss sogar an sich selbst denken, sonst ist seine Kraft irgendwann aufgebraucht.“
„Ja, ich glaub das stimmt, trifft genau auf mich zu.“

Hermine - 12:52:47 @ Die Frau, die ihren Schutzengel umrannte | Kommentar hinzufügen