Lebendigkeit

Hier entsteht immer wieder Neues zu den Themen Zuversicht in Poesie!

 

15.11.2019

Die blaue Zone

Wanderung.jpgDer warme Sand und der Atlantik in seiner wechselnden Laune ziehen mich täglich an. Ein Spaziergang, barfuß und bevor die Sonne hinter den Bergen versinkt, gehört zu meinem eigenen Rhythmus, den ich hier auf dieser kargen Insel wiederfinde. Manchmal singe ich ein Lied oder tanze am Strand nach einer Melodie, die gerade in mir erklingt.
Die Apartmentanlage, Geschäfte und Restaurants sind jetzt weihnachtlich geschmückt. In den reich blühenden, farbenkräftigen Bougainvillea hängen Lichterketten, im Fenster ein Schneemann, in einem Café steht ein künstlicher Weihnachtsbaum. All das bei 26°C im Schatten, Sonne satt den gesamten Tag lang und unter strahlend blauem Himmel.
Mit meinem Leihwagen fahre ich nach Puerto del Rosario, entdecke einen günstig gelegenen Parkplatz. Kurz frage ich mich: “Warum ist der Bortstein blau gestrichen?” Da dieser Gedanke ebenso schnell entschwindet wie er aufgetaucht ist, schließe ich das Fahrzeug ab und schlendere durch den Ort. Am breiten Sandstrand lädt mich das Wasser nicht ein. Die enge Kombination aus stark befahrener Straße und einem entspannenden Bad ist mir nicht ganz geheuer. Auf der Promenade mit ihren unzähligen Restaurants und Geschäften, Bäumen und Kunstobjekten vergesse ich dann doch die Zeit, schaue und betrachte, verweile und schreite weiter. Irgendwann lande ich in einer typisch spanischen Bar. Dort gibt es Bocadillos und die Möglichkeit meine geringen Kenntnisse in der hier vorherrschenden, wohlklingenden Sprache anzuwenden.
Anschließend schlendere ich zum Auto. Finde die kleine Nebengasse sofort, wie auch den Strafzettel an der Windschutzscheibe. Letzteren nehme ich mit nach Costa Calma, nehme ihn mit auf meiner Fahrt entlang der Ostküste, vorbei am Flughafen, an der Saline, an kleinen Dörfern, immer die Berge hinauf und hinunter, in Kreisverkehre hinein und wieder hinaus.
An der Rezeption zeige ich meinen Strafzettel vor. “Ich habe falsch geparkt. Können sie mir sagen wohin ich die Gebühr überweisen soll?”
Sie nimmt meinen Zettel in ihre Hand und liest. “Oh, sie haben in der blauen Zone geparkt.”
In diesem Moment wusste ich, was es mit der Kennzeichnung am Gehweg auf sich hat.
“Ja, aber was bedeutet das für mich? Wie viel muss ich bezahlen und wohin kann ich es überweisen?”
“Das funktioniert hier anders. Sie müssen nach Puerto del Rosario, denn dort haben sie den Strafzettel erhalten. Und dort müssen sie ihn auch bezahlen.” Sie beschreibt mir den Weg zum Amtsgebäude. “Aber ich kann ihnen nicht versprechen ob ich sie in das richtige Haus schicke. Meine Freundin bewahrt sämtliche Strafzettel, die sie je erhalten hat, einfach in ihrem Handschuhfach auf. Es kam nie irgend eine Aufforderung zum Bezahlen, nie eine Mahnung oder Ähnliches.”
“Ich will es wenigstens versuchen.”
Sie schreibt mir alles auf einen Zettel, auch die spanische Formulierung für mein Anliegen und ich fahre an einem der nächsten Tage in die größte Stadt auf der Insel, finde das Amt und zeige meinen Zettel vor. Die Dame ruft zuerst jemanden herbei. Anscheinend weiß auch sie nicht, wo der Strafzettel zu begleichen ist. Nach einer ausführlichen Diskussion, sagt sie mir, dass ich im falschen Gebäude bin. “Gehen sie hinaus, dann rechts um die Ecke. Sie kommen dann zur Polizei. Dort sind sie richtig.”
Ich folge ihren Anweisungen und lege mein Anliegen wieder in Form des Zettels dar. “Bei uns sind sie falsch. Sie müssen dort drüben in das Gebäude.”
Hier stehe ich einige Zeit an. Als ich an der Reihe bin, führt mich die Angestellte hinaus vor die Tür. “Gehen sie rechts herum und dann noch einmal rechts um die Ecke. Ein Stückchen weiter kommt dann ein staatliches Gebäude. Sie sehen es an dem Schild über dem Eingang.” All das beschreibt sie mir mit ausschweifenden Gesten ihrer Hände.
Mit meinem Zettel ziehe ich erneut los, gehe zu besagtem Gebäude, sehe das Schild über dem Eingang. Doch es ist alles verschlossen. Und nicht nur das. Das Haus wirkt als ob es bereits mehrere Jahre ungenutzt steht. Das Eisengitter vor dem Eingang ist verriegelt, die vergitterten Fenster lange nicht geputzt, nichts deutet daraufhin, dass sich Menschen darin befinden könnten. Mir kommt der Gedanke, dass es das Gefängnis der Insel sein könnte.
Ich trete den Rückweg an.

                                                                                     ***

Mein letzter Tag. Auf dem Programm steht “Vulkan und Wein” - eine geführte Wanderung.
Der Kleinbus, der mich abholen soll, erscheint erst um 8:45 Uhr. In ihm sitzen bereits der Fahrer, seine dreijährige Tochter und ein Herr hinter Sonnenbrille und Cappy. Meine Platzwahl fällt auf den neben dem kleinen Mädchen, sie hat längere blonde Haare und ist sehr schweigsam.
“Melina musste ich mitnehmen. Weder meine Frau noch ich haben mitbekommen, dass der Kindergarten heute geschlossen hat.” Erzählt der Majorero.
“Spricht sie ausschließlich Spanisch oder auch etwas Deutsch?”
“Sie spricht sehr wenig. Mit Fremden schon gar nicht. Meine Frau redet mit ihr Deutsch und ich Spanisch.”
Zwei Pärchen steigen zu uns in das Fahrzeug und wir erreichen bald darauf eine Finca. Jeder erhält einen Wanderstab.
“Wenn zwei wie wir aufeinandertreffen, dann ergibt das ein Feuerwerk.” Diese Worte kommen für mich wie aus heiterem Himmel. Ich nehme nur noch wahr, dass anscheinend der Herr mit Sonnenbrille und Cappy sie ausgesprochen hat. Warum frage ich ihn nicht, was er genau damit meint?
Munter schreiten wir in Richtung Gipfel. Während eines Gruppenfotos stelle ich mich nicht direkt neben ihn, obwohl der Platz frei ist. In mir ist eine Hürde aufgebaut, die ich nicht überspringen kann und möchte.
Zuerst überqueren wir Felder, meistern kleinere Hügel. Hinter jedem ändert sich die Aussicht, hinter jedem taucht ein neues Wunder auf. Dann wird der Aufstieg steiler. Geröll lässt uns unsere Füße achtsamer auf den Boden setzen.
Vor mir geht er, der Herr mit Sonnenbrille und Cappy. Ich frage mich, ob er sich dahinter versteckt. Im gleichen Moment dreht er sich zu mir um. “Soll ich ziehen oder schieben?”
Ich krieg mich vor Lachen gar nicht wieder ein. “Ich schaffe das schon.” Antworte ich, als ich wieder Luft holen kann.
Der Krater. Eine riesige Mondlandschaft, trocken, karg. Und doch stehe ich am Rand und schieße ein Foto nach dem anderen. Fühle eine Nähe zu etwas, das ich nicht benennen kann. Ist es das Erdinnere?
In der Mitte befindet sich ein Steinhaufen. Er wirkt auf mich fast wie ein Altar, wie ein heiliger Platz. Ich fühle mich als ob ich jeden Augenblick einen sakralen Bau betrete, als ob Gott hier Zuhause ist. Vor lauter Ehrfurcht bleibe ich am Rand stehen.
Der Herr mit Sonnenbrille und Cappy steigt in den Krater hinein. Ich schieße ein paar Fotos von ihm mitten in der scheinbaren Einöde.
Unser Rückweg gestaltet sich schwierig. Das eine Paar kommt nur sehr schleppend voran. Sie trägt sommerliche Leinenschuhe an den Füßen und er Sandalen.
“Wir hatten eigentlich eine Reise auf der AIDAnova gebucht. Das Schiff wurde aber nicht rechtzeitig fertig und wir bekamen als Ausgleich Fuerteventura angeboten.” Erzählen sie uns.
Wir, die geübten Wanderer, warten wiederholt auf das Paar. Auf einem Plateau kommt unser Guide zu mir.
“Wir sind zu langsam. So erreichen wir die Finca nicht rechtzeitig für die Weinverkostung.”
“Und was willst du tun?”
“Ich gehe mit Melina vor und hole den Wagen. Ihr kommt bitte bis zu dieser Wegkreuzung dort unten.” Er weist mit der Hand auf staubige Feldwege. “Bis dorthin fahre ich mit dem Kleinbus und hole euch ab.”
“Okay.”
Und schon hebt er Melina auf seine Schultern und geht leichten Schrittes hinunter.
Selbst auf Pfaden, die fast horizontal verlaufen, schleicht die Frau in Leinenschuhen langsam dahin. Einen Fuß genau vor den anderen setzend. Unser Majorero mit samt seiner Tochter ist schneller bis zur Finca gelaufen und zurückgefahren bis zum vereinbarten Treffpunkt, als wir den Weg zu Fuß zurücklegen können. Meine eigene Wanderung könnte genau jetzt so richtig beginnen. Gern würde ich zur Finca im für mich typischen Rhythmus gehen. Leider reicht die Zeit nicht.

Hermine - 17:51:25 @ Am Ende sind wir alle nackt | Kommentar hinzufügen