Lebendigkeit

Hier entsteht immer wieder Neues zu den Themen Zuversicht in Poesie!

 

12.12.2019

An der Kasse

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Johanna legt behende einen Artikel nach dem anderen auf das schwarze Band. Es ist bereits so voll bestückt, dass einige Packungen drohen heruner zu rutschen als die junge Frau mit puderrotem Gesicht ihren Schal lockert.
Als wäre der ganze Lärm der Menschen noch nicht genug, ertönen Glockenklänge aus dem Lautsprecher.
Mit kurzem Rucken bewegt sich das Laufband mit sämtlicher Ware vorwärts und drei Sektflaschen landen neben den fünf Stücken Butter. Wieder greifen ihre Hände in den Einkaufswagen und Käse, Würstchen, Salatcreme, Nüsse, Puderzucker, Mehl, Taschentücher, Duschbad. Toilettenpapier, Zahncreme, Bananen, Apfelsinen, Wacholderbeeren, Konfekt, Rotkohl, Hefe, Hirschkeule, Lebkuchen, Scheuermilch landen ebenda. Endlich! Der Wagen ist leer, selbst den Kindersitz klappt Johanna zusammen, wirft ihren Schal endgültig ab und hinein in den metallenen Korb.
“Bald nun ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit…” singt der Lautsprecher. Und schon ertönt das erste “Piep” und sie weiß, dass die Kassiererin beginnt ihre Ware über den Scanner zu ziehen. Johanna öffnet ihre Jacke bevor sie ebenso flink wie zuvor die Waren in den Einkaufswagen zurücklegt.
Jacob schaut seiner Mutter vom hinteren Ende des Laufbandes zu. Bei jedem Ruckeln lächelt er und sein Oberkörper neigt sich erst ein wenig zurück, dann nach vorn. Zurück und vor, zurück und vor. Seine ausgestreckten Beinchen mit den Winterstiefeln an den Füßen nähern sich der Kassiererin in ungleichmäßigen Zügen. Deren Hände fliegen von links nach rechts mit all dem Hirschsekt (piep), Wacholderpapier (piep), Taschenkuchen (piep) und Lebzucker (piep). Der Korb füllt sich als wäre ein Zeitraffer vor Jacobs Augen geschaltet.
Dann ist es so weit. Die Kassiererin greift sich Jacob, zieht ihn über das rote Licht, was alles erfasst.
“Piiiieeep”.
Die digitale Anzeige flackert, leuchtet auf und erlischt. Dann rechnet sie, addiert. Eine Zahl nach der anderen reiht sich an die linke Zahl vor dem Komma. Jede einzelne zählt scheinbar selbständig aufwärts von eins bis neun. Nach der dritten Neun erscheint ein Punkt sowie die nächste Eins. Auch diese verändert sich bis eine Neun aufleuchtet. Die Zahlen wechseln rasend schnell. Johannas Bewegungen scheinen im Gegensatz dazu in Zeitlupe abzulaufen. Alles um Jacob herum geht nun in einem Tempo vor sich, dass es aussieht als wären die Menschen an der Kasse beim Blinzeln eingenickt. Nur die Anzeige rennt und zählt.
Als kein Cent mehr addiert werden kann, bleibt sie endlich stehen. So jäh und plötzlich wie sie mit dem Addieren begann. Und nicht nur sie verharrt in einer scheinbar endgültigen Ruhe. Um Jacob herum halten sämtliche Anwesende den Atem an. Seine Mutter hält inne mit blassem Gesicht, die Kassiererin mit leicht geöffnetem Mund, so als möchte sie etwas sagen, doch Worte entweichen ihr nicht. Sämtliche Männer und Frauen in der Nähe schauen auf die Anzeige, schauen zu Jacob, der sanft lächelnd am Ende der Kasse sitzt und mit seiner gesamten Aufmerksamkeit die Lebkuchen auswickelt.

Hermine - 15:22:47 @ Weihnachten | Kommentar hinzufügen