Lebendigkeit

Hier entsteht immer wieder Neues zu den Themen Zuversicht in Poesie!

 

13.12.2019

Abschied

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Nach einem kleinen Imbiss führt uns der Fincabesitzer in seinen Weinkeller. Er liegt mitten in seinem Anbaugebiet, ist wunderschön gemauert und bietet einen herrlichen Ausblick über Fuertes Weinberge.
Wir sitzen an den beiden seitlichen Wänden entlang auf Bänken. Er schenkt uns Weißwein, Rotwein und verschiedene Liköre ein. Mir wird es schnell zu alkohollastig. Als er das mitbekommt, füllt er meine Gläser noch voller. Und ich, verhaftet in meiner Muttersprache, erreiche mit einem “Gracias” nichts. Was heißt eigentlich “Stopp” auf Spanisch?
Während der Rückfahrt schläft Melina schnell ein. Ihr Kopf schaukelt erst hin und her, dann kippt er auf ihre Brust. Sacht richte ich ihn auf und lehne ihn an den Kindersitz. Diese Prozedur wiederhole ich mehrere Male. Zwischendurch tauschen wir noch unsere Telefonnummern aus für die Erinnerungsfotos.
In meinem kleinen Apartement packe ich meinen Koffer, stelle den Wecker auf sieben Uhr und setze mich auf den Balkon. Die Dunkelheit hat scheinbar das Meer verschluckt, nur sein ruhiges Rauschen nehme ich wahr. Ein letztes Mal  bewundere ich die Apartmentanlage und ihre hervorragende Konstruktion. Die unterschiedlich hohen Mauern fangen jeden kühlen Luftzug vom Atlantik ein und leiten ihn durch die Gänge und über Treppen. Das gesamte Objekt kommt daher ohne Klimaanlage aus.
Am nächsten Morgen. Mein üblicher Gang hinunter zum Strand und ins Meer. Ein letzter wunderbarer Sonnenaufgang, ein letztes Mal eintauchen in das salzige Wasser, ein letztes Mal wird mein nackter Körper getragen von seiner Kraft. “Danke!”

                                                                                        ***

Zuhause angekommen, fühle ich mich, als hätte ich das Strahlen der Sonne mit meinem Gesicht eingefangen und mitgenommen. Koffer leeren, Wäsche waschen, Wohnung inspizieren, Blumen begrüßen - die Pflege meiner Nachbarin ist ihnen gut bekommen.
Am nächsten Tag, es ist der zweite Advent, dekoriere ich noch vor dem Frühstück meinen grünen Kranz mit roten Kerzen, Tannenzapfen, Fliegenpilzen, Zimtstangen und kleinen Äpfelchen. Anschließend setze ich einige Engel auf Regale, Kommode und Fensterbank, hänge Holzschmuck in die Fenster und bringe einen Stern über meinem Esstisch an.
Als ich wieder Luft hole, finde ich auf meinem Handy einige Nachrichten, unteranderem von dem Herren hinter Sonnenbrille und Cappy. Er sendete mir einige Fotos von der Wanderung. In diesem Moment erinnere ich mich, dass auch ich ihm ein Foto zukommenlassen wollte. Sofort suche ich nach dem entsprechenden Bild im Krater, schreibe wenige Zeilen und schon schwirrt all das durchs weltweite Netz. Nach seinem Dankeschön lösche ich die Nummer, den Chat und das Foto von meinem Handy.

Hermine - 20:53:37 @ Am Ende sind wir alle nackt | Kommentar hinzufügen