Lebendigkeit

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13.08.2021

Hände

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Der einsame Wanderer folgt ihr schweigend, vorbei an einigen Höfen. Sie biegen in einen Sandweg ein, lassen die Kirche rechts liegen.

„Können wir denn um diese Uhrzeit bei unserer Tochter auftauchen? Es ist doch gerade erst fünf Uhr?“

„Unsere Tochter erwartet uns zu jeder Zeit.“

Er versteht ihre Worte nicht, kennt jedoch auch nicht die Frage, die er stellen müsste, um eine klarere Antwort zu erhalten. So schreitet er weiter schweigend neben ihr her, bis sie vor einer kleinen eisernen Tür kurz inne hält, die Klinke herunter drückt und sie öffnet. Quietschend und schwerfällig gibt sie den Weg frei, so als ob sie nur ungern Gäste hereinlässt. Der Wanderer erblickt Grabsteine, Kreuze aus Holz, frische und welke Blumen, gepflegte und ungepflegte Grabstellen. In diesem Moment weiß er nichts mehr, nicht was er sagen und nicht was er tun soll. Seine Gedanken kreisen in einer Vergangenheit, die nicht seine war. Sein Adamsapfel hebt und senkt sich, immer wieder. Wie lange würde er die Tränen noch schlucken können?

Sie bleibt vor einem liebevoll gepflegten Grab stehen. Rosen und Lavendel harmonieren mit Geranien. Zwei Lebensbäumen rahmen den Grabstein ein. Auf ihm sitzt ein kleiner, Elfen ähnlicher Engel. Seine zarten Beine zeigen auf den Namen: Carolina.

Er steht vor dem Grab, seine Hände halten sich gegenseitig fest. Es hilft ihm nicht. Seine Tränen laufen und er beginnt zu schluchzen. Sein Körper bebt und seine Blicke suchen eine Bank. Unter einer Birke lässt er sich nieder. Sie setzt sich zu ihm und erzählt:

„Carolina wurde acht Monate nach dem du fort warst geboren. Ich konnte es dir nicht sagen, denn als ich bemerkte, dass ich schwanger war, hattest du das Dorf bereits verlassen.“

Er sitzt noch immer schweigend neben ihr und stellt sich die Frage: Warum finde ich keine Worte? Jetzt, da er so gerne reden möchte, bleibt ihm jede Silbe im Hals stecken. Habe ich zu wenig geübt? Muss ein Mensch das reden erst wirklich erlernen?

„Sie war eine wundervolle Tochter. Und ich habe ihr zu wenig über uns erzählen können. Wie oft hat sie gefragt? Sie wollte so gerne wissen, warum du nicht geblieben bist. Ich hatte keine Antwort für mein eigenes Kind.“

Hermine - 12:09:06 @ Einsamer Wanderer | Kommentar hinzufügen