Lebendigkeit

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 Herzlichst Hermine und Reinhold

 

 


15.08.2021

Ihre nackten Füße

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Er sitzt schweigend neben ihr, unfähig eigene Worte zu finden, unfähig sich zu bewegen, unfähig etwas zu fühlen außer Schmerz.

„Als Carolina in die Welt hinauszog, wollte sie nur weg. Hing es mit den unbeantworteten Fragen zusammen? Sie suchte. Und sie fand einen Mann, der ihr nicht wirklich zugetan war. Als sie schwanger war kehrte sie zurück. Dafür werde ich ihr immer dankbar sein. Sie wagte diesen großen Schritt, der für manche Menschen wie ein Scheitern ausgesehen haben mag. Aber das war es nicht. Ganz und gar nicht.

Sie war zu einer Frau geworden, die wusste, was sie wollte. Sie hatte in der Fremde sich selbst gefunden und wollte nun ihrem Kind eine Zeit schenken, die ihm gut tun würde. Gott gab ihr nur wenige Jahre mit ihrem Sohn.“

Jetzt schwieg auch die Frau neben ihm auf der Bank unter der Birke. Irgendwie machte sich Erleichterung in ihm breit. War es, weil der Schmerz etwas nachließ, weil er ihn nicht mehr übermannte?

„Komm, lass uns frühstücken.“ Bei diesen Worten steht sie auf und schreitet mit ihren nackten Füßen durch das Gras, über den staubigen Weg bis hin zum Jasmin und dem alten Haus, in dem sie lebt.

„Bevor wir frühstücken, möchte ich Deine Füße waschen. Bitte erlaube es mir.“

Sie dreht sich unverwandt um, schaut in seine Augen und nickt sanft. Und da ist es wieder, dieses Lächeln, das nicht von dieser Welt zu stammen scheint.

„Wo finde ich eine kleine Wanne oder große Schüssel, Handtuch und Seife?“

Ihre Erklärungen weisen ihm den Weg, den Weg hin zu einem Tun, das aus seinem tiefsten Inneren angestoßen wird. Er füllt die kleine Wanne, auf der Mohnblumen gemalt sind, füllt sie mit warmem Wasser und legt Seife hinein. Mit den Händen streicht er die Seife und verteilt sie im Wasser, so dass es weicher wird. Dann trägt er die Lauge zum Stuhl, stellt die Füße der Frau hinein und streicht mit sanften Bewegungen den Staub von ihnen. Er schaut sie an und sie lächelt ihr Lächeln, das von Liebe und Schmerz gleichzeitig spricht. Er hebt einen Fuß nach dem anderen zum trockenen auf das Handtuch und küsst ihre Zehen.

* * *  Ende  * * *

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Herzlichst Hermine

Hermine - 13:31:24 @ Einsamer Wanderer | 2 Kommentare