Lebendigkeit

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02.09.2021

Tanzende Diamanten

Eine neue Welt.jpgDie Kirchenbänke sind seit Langem Festzeltgarnituren gewichen. Corinna setzt sich zu uns, schweigsam.
“Wie weit ist denn ihr Töpfercafé? Sind sie auf den Ansturm bei der Eröffnung vorbereitet?”
Sie schaut auf. In ihrem Gesicht zeigt sich, wie sie ihre Gedanken sortiert. Dann lächelt sie und sagt: “Nein, noch nicht wirklich. Morgen stellen wir aber die Regale auf und ich kann sie endlich einräumen.”
“Kann ich ihnen irgendwie helfen?” “Ich glaube nicht, außer sie können Kuchen backen.” “Würde ich gern. Allerdings habe ich nur noch Vollkornmehl.”
Sie überlegt, beißt in den Brotkanten in ihrer rechten Hand und betrachtet ihn genauer. “Können Sie auch Brot backen?” Als ich nicke erscheint ein Lächeln auf Ihrem Gesicht.
Am Sonntag läutet mein Wecker sehr zeitig. Zuerst bereite ich den Brotteig, anschließend fahre ich mit Ferdinand zum See.
Als wir splitternackt am Ufer stehen, kommen Enten aus dem Gebüsch. Es handelt sich um eine Mutter mit ihren Jungen. Sie watscheln flink zwischen unseren Füßen umher, fast über sie hinweg. Ich kann sie spüren, den weichen Flaum ihres Kleides, ihre Entenfüßchen, und das, obwohl sie mich nicht direkt berühren. Ihre Nähe und ihre Freiheit sind so unglaublich für mich, dass ich dieses Erleben wohl nicht vergessen werde. Ich zähle die kleine Schar und schon sind sie wieder entschwunden, die Entenmutter mit ihren zehn Küken.

Kurz nachdem wir vom See zurückgekehrt sind, schiebe ich zwei Brote in den Ofen, die ich am frühen Nachmittag zu Corinna bringe. “Kommt ihr nachher auch?”, fragt sie mich mit einem hoffenden Blick. “Ja, ich liebe Getöpfertes und bin schon ganz neugierig auf Deine Werke.”
“Nicht alles ist von mir. Einiges entdeckte ich in einem kleinen, verlassenen Dorf. Dort wo ich auch den Brennofen fand.”
“Dann bis nachher, Corinna.”

Die Stunden bei Corinna vergehen wie das Rauschen des Windes. Sie kamen und zogen vorüber. Ferdinand und ich sprechen noch lange über ihre Töpferarbeiten, über Formen und Farben.
“Hast du mitbekommen, dass sie Ton braucht und keinen Zulieferer findet?”, frage ich ihn.
“Ja, aber ich kenne niemanden. Auch keinen Menschen, der jemanden kennt.”
“Schade, ich hätte ihr gerne einen Tipp gegeben.” Diesen Blick kenne ich. In Ferdinands Gesicht sehe ich Hilflosigkeit. 

Das Laub der Bäume wird langsam bunter und die Tage kühler. Am Morgen liegt der See ganz ruhig, vereinzelte Regentropfen durchbrechen die Wasseroberfläche und erzeugen kleine Wassersäulen, die mich umgeben. Sie sind höchstens zwei Zentimeter hoch und entschwinden so schnell wie sie entstehen. Wie tanzende Diamanten verzaubern sie den Augenblick.
Am Abend ist die Kirche voller als sonst, die Gespräche sind laut und aufgewühlt.
“Warum nur? War er so verzweifelt?”
“Vermutlich kam er aus seiner eigenen Sackgasse nicht heraus.”
“Von wem redet ihr?”, frage ich zwei ältere Damen, deren Namen ich nicht kenne.

Hermine - 13:26:51 @ Willkommen in einer neuen Welt | Kommentar hinzufügen

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