Lebendigkeit

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03.09.2021

Dornen der Rosen oder Das große Vergessen

Dornen der Rose 2.jpg„Meine Hände schnitten unzählige Rosen während meines Lebens, mit meiner Nase entdeckte ich jeden einzelnen Duft und meine Augen schenkten Freude in mein Herz beim Anblick der Schmetterlinge und Hummeln im Rosengarten. Ich habe Dir im Laufe der Jahre alles gezeigt, was ich weiß. Mein Leib ist nun müde. Ich werde gehen, mein Junge, und überlasse Dir all mein Wissen und Können.“ Sein Mund gestatte ihm all das zu sagen, bevor er seine Augen für immer schlossen.

Martin ging hinaus in den Garten, nahm die Schere und begann, genau wie sein Großvater die Rosen zu schneiden. Achtsam griff er die verwelkten Köpfchen und setzte die blaue Schere oberhalb des ersten fünfblättrigen Zweiges an. Tränen verstellten ihm die Sicht und ein Dorn bohrte sich tief in seinen Finger. Er warf die Schere mit Wucht weit weg, kehrte mit schnellen Schritten zurück ins Haus und versorgte seinen Finger mit einem Pflaster.

„Ich züchte ab jetzt Rosen ohne Dornen!“ Mit diesen Worten schob er seine Tränen fort und seinen Schmerz.

Viele Jahre verbrachte er mit der Zucht von Rosen ohne Dornen. In seiner kleinen Gärtnerei wuchsen sie in den unterschiedlichsten Farbnuancen. Die Blüten leuchteten in Rosa, Gelb, hellem und dunklem Rot, sogar weiße Rosenbüsche blühten und welkten.

Martin pflegte sie, zog junge Triebe, veredelte sie und entfernte wilde Auswüchse, die sich mit ihren Dornen verrieten.

Oft ging er zum Grab seines Großvaters, pflegte es liebevoll und stellte frische Blumen in die Vase vor dem Grabstein.

Hin und wieder rief ihn ein Freund an, um ihn einzuladen. „Ich habe keine Zeit, die Gärtnerei, Du weißt ja, es gibt viel zu tun.“ Das war seine Antwort bis…. Bis niemand mehr anrief. Martin bemerkte es nicht. Er bemerkte nicht, wie seine Freunde verloren gingen, seine Freude, seine Unbeschwertheit. Allein die Dornen, die ihn stachen, nahm er wahr.

Eines Tages erschien eine Frau in seiner Gärtnerei. Er hatte sie nie zuvor gesehen. Sie ging durch die offenen Gewächshäuser, betrachtete die Rosenstöcke und roch an ihnen.

„Suchen Sie eine bestimmte Rose?“, fragte er die fremde Frau.

Sie drehte sich zu ihm um und schaute ihn an. „Eigentlich nicht. Wissen Sie, ich liebe Rosen und überall, wo sich mir die Gelegenheit bietet, genieße ich ihren Duft.“

Martin war an sie herangetreten. Nicht zu dicht, dennoch in einem Abstand, der eher Freunden vorbehalten ist. In diesem Moment stieg ein zarter Duft in seine Nase, ein Duft, den er noch nie in seinem Leben wahrnehmen durfte.

Als die Frau seine Gärtnerei verlassen hatte, kehrte er zurück ins Gewächshaus, näherte sich mit seiner Nase jeder einzelnen Blüte.

Nichts. Der Duft war so je entschwunden, wie er aufgetaucht war.

Er suchte ihn zu unterschiedlichen Tageszeiten, kehrte wieder und wieder in das Gewächshaus zurück. Seine Suche ließ ihn alles andere vergessen. Das Unkraut wucherte zwischen den Rosenstöcken, einige verdorrten, andere breiteten ihre wilden Triebe über alles aus. Zwei Jahre später waren die übrigen Gewächshäuser kaum noch auszumachen unter den Rosentrieben, dem dunkelgrünen Laub und den vielen Blüten.

Immer dichter bewuchsen sie nach und nach auch das eine Gewächshaus, in dem er diesen unnachahmlichen Duft wahrgenommen hatte.

In ihm stieg Wut auf. Die Pflanzen zwangen ihn, sich von der Suche nach dem Duft abzulenken. Voller Aggressivität begann er sämtliche Rosen dicht über dem Boden abzuschneiden, stach sich an den Dornen, verarztete seine Finger und trat wieder in den Garten, um die Rosen zu stutzen. An einem Montag in der größten Mittagshitze die ein Sommertag hervorbringen kann, fand er unter einer Rose eine Gartenschere. Sie war verrostet und ihre Farbe kaum noch zu sehen. Martin setzte sich auf eine Bank neben dem Rosenbeet, betrachtete die Schere genauer. Ein kleiner blauer Fleck war am Griff noch vorhanden und Martin sah sich, wie er vor vielen Jahren die Schere voller Wut wegwarf. Er fühlte den Schmerz des Dornes, der ihm damals in seinen Finger gefahren war. Martin fühlte den Schmerz des Verlustes. Er brannte in seinem Herzen. Tränen liefen ihm über die Wangen und spülten seinen Blick wieder frei. Was hatte er getan? Sein Großvater hatte ihm vertraut, ihm alles anvertraut, was er je geliebt und besessen hatte. „Nein, was auch je geliebt habe.“ Diese Erkenntnis sprach er laut aus. Anschließend betrat er sein Haus. Martin wusch sich den Schweiß vom Leib, zog frische Kleidung an und ging zum Friedhof. Neben dem Grabstein standen zwei Rosenbüsche, die ihre Blütenpracht und ihren Duft verströmten. Er wusste, dass es nicht der Duft war, nach dem er gesucht hatte. Es war ihm nicht mehr wichtig. „Ich habe Mist gemacht, Großvater. Richtigen Mist.“ Bei diesen Worten schnitt er vertrocknete Blüten ab und gab den Pflanzen Wasser.

Er erweckte seine Gärtnerei wieder zum Leben, zog Rosen und auch Hagebutten. Schmetterlinge, Hummeln und Bienen zogen wieder bei ihm ein. Unterschiedlichste Düfte nach Äpfeln, Zimt und Rosen breiteten sich aus, viele Kunden kamen zu ihm, kauften Rosenstöcke und ließen sich von ihm beraten, wenn sie den Blattläusen nichts entgegenzusetzen hatten.

Ein Wintermorgen, es war Sonntag und Martin ging in den Wald. Er wollte nach Brennholz schauen, um es in der kommenden Woche für die nächsten Jahre zu sammeln und zu trocknen.

Da war er. Dieser unbeschreibliche Duft, den er nie vergessen hatte. Martin sah sich um. Er war allein. Ein roter Schal lag auf der Erde. Er hob ihn auf und vergrub seine Nase in ihm.

*** Ende ***

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Herzlichst Hermine

Hermine - 11:59:14 @ Dornen der Rose | Kommentar hinzufügen