Lebendigkeit

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 Herzlichst Hermine und Reinhold

 

 


06.09.2021

Verlust

Eine neue Welt.jpgSie schauen mich überrascht an. “Von Markus.”
“Was ist mit ihm?”
“Wissen Sie es denn nicht? Er wurde heute im Theater gefunden.” Ihre Stimme stockt, dann fährt sie fort. “Er hat sein Leben eigenhändig beendet.”
Ich schaue mich um, suche Corinnas Haarschopf, kann ihn nicht entdecken. Es sind einfach zu viele Menschen. Menschen mit einem Bedürfnis nach Austausch, Gesprächen, Klärung. Können wir Außenstehenden etwas klären? Ist es möglich zu erfassen, was sich in Markus abspielte, was ihn antrieb?
Ich gehe durch das Kirchenschiff, mein Blick sucht Corinnas Glanz, ihr Haar, ihre Augen. Dann endlich sehe ich sie auf einer der alten, übriggebliebenen Bänke. Sie ist zusammen gesunken, ihr Glanz entschwunden.
Ich nehme sie in meine Arme. Ist es Hilflosigkeit? Nichts in mir bewegt meine Lippen, meine Zunge.

Ich spüre Erleichterung als Corinna zuerst tief atmet und endlich Worte findet…
“Er war bei mir vor ein paar Tagen, hat sich entschuldigt für alles, was er mir angetan hat.”
Einzelne Tränen laufen ihren Wangen herab.
“Ich machte ihm zwar keine Vorwürfe, doch fiel es mir schwer ihm gleich zu vergeben. Der Schmerz war plötzlich wieder da, der Schmerz alles verloren zu haben selbst meinen Vater.”

Corinna schwieg, schneutzte sich die Nase mit einem völlig durchnässten Taschentuch. Meine linke Hand streicht über ihren Rücken. “Vielleicht hätte ich ihn in meine Arme nehmen sollen, vielleicht hätte er dann weiterleben können.”
“Woher wollen sie das wissen?” Sie schaut mich an, zweifelnd, suchend.
“Wir müssten ihn fragen, doch genau das können wir nicht mehr. Sie sind unschuldig an seinen Taten.”
Ihre Tränen versiegen. Corinna richtet ihren Körper auf. “Er gab mir gestern noch die Adresse von einem Händler, der Ton vertreibt. Er hat Vergebung verdient und ich vergebe ihm aus ganzem Herzen.”
“Haben Sie Lust die Trauerrede zu halten?”
Corinna nickt sanft.

***

Drei Jahre später. In der Kirche treffen wir uns nur an den Wochenenden. Es geht nicht mehr um die Essensversorgung sondern nur noch um das Miteinander. Wir besprechen die Gestaltung unserer Gemeinde. Viele Häuser sind hergerichtet, Kinder spielen auf der Straße.
Ferdinand und ich gehen Hand in Hand durch unser Viertel. Vor dem Töpfercafé halten wir inne, betrachten den Vorgarten und beobachten den kleinen Tobias beim Spielen mit Steinen und Blumen. Corinna tritt auf die oberste Stufe hinaus. “Gutem Morgen Ihr zwei. Heute gibt es frischen Kuchen, habt ihr Lust darauf?”
“Wir haben gerade erst gegessen, aber später vielleicht.”
Ich trete in den Vorgarten, bücke mich zu Tobias hinunter, der sofort seine Ärmchen in die Luft streckt. “Als Nächstes müssen wir wohl unser Schulgebäude vergrößern.”
“Ja, wenn sämtliche Kinder dort lernen wollen, reicht es bald nicht mehr.”
Als Ferdinand und ich wieder Zuhause sind, frage ich ihn: “Wollen wir weiterziehen?”
“Ja, das fühlt sich gut an.”

***  ENDE  ***

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Herzlichst Hermine

Hermine - 14:37:43 @ Willkommen in einer neuen Welt | Kommentar hinzufügen

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