Lebendigkeit

 Hier veröffentlichen wir für Euch berührende Geschichten voller Lebendigkeit, Abenteuer, Hingabe und Liebe.

 Ihr könnt Eure Wertschätzung in Form von Kommentaren,Bestellungen oder einfach durch Überweisungen Ausdruck verleihen. Sämtliche Möglichkeiten findet Ihr auf unserer Seite.

 Vielen Dank an Euch für Euer Interesse und auch für Eure Gaben!

 Herzlichst Hermine und Reinhold

 

 


18.09.2021

Heiligabend

Schutzengel.jpg„Ihr Tränen seid später an der Reihe. Jetzt ist Heiliger Abend.“ Spricht sie zu sich selbst während sie vor dem Spiegel ihr Kleid glatt streicht. „Und der Schmerz? Was mache ich mit ihm?“ Paula dreht sich vor dem Spiegel, betrachtet sich von allen Seiten. „Ich liebe mich, egal ob es der Mann an meiner Seite noch vermag oder nicht.“
Der Heiligabend verläuft im alljährlichen Ritual. Paula drapiert sämtliche Geschenke unter dem Christbaum, deckt den Kaffeetisch, schneidet Stolle auf und arrangiert Lebkuchen, Spekulatius und Dominosteine auf der Kuchenplatte. Weihnachtsmusik erklingt von der Lieblingsschallplatte der Kinder. Sie dreht das Klangvolumen höher, als Zeichen für die ganze Familie. Schon hört sie die ersten Schritte auf der Treppe und die strahlenden Gesichter von Pia, Florian und Alex belohnen sie für den vertagten Streit mit Christian. Sie weiß, dass dieses Gespräch folgen muss und bei dem Gedanken taucht der Schmerz wieder auf. Paula streichelt ihre Oberarme.
„Wer möchte Kakao und wer Kaffee?“ Voller Liebe betrachtet sie die Wesen, denen sie das Leben schenkte. „Es ist schön, dass es Euch gibt.“
„Das sagst Du jedes Jahr.“ Pia schlürft ihren heißen Kakao.
„Es ist die Wahrheit und die kann man nicht oft genug aussprechen.“
„Ich liebe die Stolle.“ Aus Florians vollem Mund staubt der Puderzucker als er spricht.
„Sag mal Alex, hast Du nicht Lust uns etwas auf der Gitarre zu spielen?“
„Ja, vielleicht später.“
Ein ganz gewöhnlicher Heiligabend, scheinbar. Bis auf den Schmerz, der auftritt sobald sie Christian ansieht.
Paula räumt Geschenkpapier und Schleifenband weg, trägt Gläser in die Küche und kehrt zurück ins Atelier. Christian sitzt schweigend im Korbsessel und starrt in die Glut. Ist das Feuer in uns ebenfalls erloschen? Finden wir dennoch die Glut in uns und können es wieder entfachen?
Diese Fragen springen in ihrem Kopf auf und nieder.
„Wer war das am Telefon heute Mittag?“
„Marina, eine Arbeitskollegin.“
„Anscheinend ist sie mehr als eine Kollegin, oder?“
„Ja, ich habe mich so richtig verrannt.“
„In was verrannt?“
„Kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich gegen eine Wand gelaufen bin.“
„Nur Du kannst es benennen, ich weiß nicht, was in dir vorgeht. Also raus damit.“
„Was willst Du hören? Dass ich mit ihr geschlafen habe? Dass ich mich nicht wehren konnte gegen ihre Anmache? Dass ich schwach war?“
„Das sind doch schon ziemlich klare Aussagen. Damit kann ich etwas anfangen.“
„Wie meinst Du das?“
„Jetzt weiß ich zumindest, dass nicht Du gesucht hast nach einem Abenteuer.“ Christian reagiert auf diese Äußerung nicht und Paula hakt nach: „Oder irre ich mich? Hat sie offene Türen eingerannt?“
„Ich glaube ja. Ich habe mich unbewusst schon zuvor umgesehen.“
„Und was bedeutet das? Liebst Du mich noch oder ist alles bereits zu spät?“
„Ich weiß es nicht. Ich…“
„Ja weiter ich höre Dir zu.“
„Ich finde keine Worte. Ich brauche Zeit.“
„Wann hat das angefangen?“
„Vor fünf Monaten.“
„Ich finde, dass Du genug Zeit hattest, um Worte zu finden.“
Er schaut sie an. Wieder mit Entsetzen in seinem Gesicht.
„Das kannst Du nicht machen. Du kannst mich jetzt, wo es mir so beschissen geht nicht rausschmeißen.“
„Wie bitte? Dir geht es beschissen?“ Paulas Worte sind jetzt lauter als zuvor. Als sie es bemerkt senkt sie ihre Stimme. Es kostet ihr unglaublich viel Kraft, Ruhe zu bewahren.
„Ich muss jetzt gehen. In mir kocht die Wut. Du schläfst heute nicht im Schlafzimmer. In der Pension hast Du ausreichend Platz. Gute Nacht.“
Endlich liegt sie im Bett und lässt ihren Tränen freien Lauf, schluchzt in ihr Taschentuch und kann den Schmerz, der sich jetzt ungehindert hervor wagt, kaum ertragen. Er erfüllt nicht nur ihr Herz, sondern ihren gesamten Leib.

Hermine - 15:20:19 @ Die Frau, die ihren Schutzengel umrannte | Kommentar hinzufügen