Lebendigkeit

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19.09.2021

Ausläufertreibend

Schutzengel.jpgDie Stille zwischen Christian und Paula hält über den Jahreswechsel hinaus an. Paula fehlen die Worte. Sie hat nur Fragen, Fragen nach dem Warum.
„Ich weiß es nicht.“, antwortet Christian ihr und sie weiß, dass es nicht die Wahrheit ist. Lügen will sie keine mehr. „Wie kann ich eine Partnerschaft ohne das Fundament der Wahrheit neu errichten? Ich kann und will das so nicht mehr. Ich halte es nicht mehr aus.“ Paula spricht diese Worte unbewusst laut aus. „Helfen mir die Antworten von Christian wirklich weiter oder suche ich an der falschen Stelle?“
„Na, Mama, sprichst Du wieder mit Dir selbst?“
Ein Schreck durchfährt Paula. Pia steht plötzlich neben ihr. „Oh, ich dachte, ich bin allein. Ich war wohl nicht ganz bei mir.“
„Was ist los, Mama? Glaubst Du wirklich wir merken nicht, dass irgendetwas nicht stimmt?“
Paula schaut ihre Tochter an. Noch nie wirkte sie so erwachsen, wie in diesem Moment.
„Mir geht es heute nicht so gut, Pia.“
„Heute? Seit Weihnachten bist Du so komisch, als wärst Du nicht wirklich hier bei uns.“
„Ja, da hast Du ganz recht. Meine Tennisbälle springen wild durcheinander.“
„Deine was????“
„Meine Gedanken, Pia. Ich bekomme sie zurzeit nicht sortiert.“
„Aha. Ich geh dann mal hoch in mein Zimmer.“ Mit hunderten Fragezeichen im Gesicht schaut sie bei diesen Worten Paula an, wendet sich um und verlässt die Küche.
Paula geht ins Atelier, stellt einen neuen Keilrahmen auf die Staffelei und beginnt sie in einem gelborange zu streichen. In die Mitte malt sie einen orangeroten unregelmäßigen Fleck, von dem mehrere Ausläufer wegführen. In seine Mitte setzt sie einen grünen Punkt. Sie legt eines der drei Sitzkissen näher zur Staffelei und betrachtet ihr Werk. Versonnen malt sie weiter und lässt am Ende jedes Ausläufers wie durch Zauberhand Blüten erscheinen. Sechs sind wunderschön, eine Augenweide. Die siebente jedoch sieht eher fad aus. Paula will sie korrigieren, übermalen und begibt sich zum Farbregal. Dabei stolpert sie über das Kissen. Ihre rechte Hand will sich an der Staffelei festhalten. Als Paula es bemerkt, zieht sie die Hand schnell weg und stützt sich auf dem Boden ab.
Sie richtet sich auf, schüttelt ihre Haare aus dem Gesicht und schaut erneut auf das Bild, betrachtet die Blumen und zählt die einzelnen Ausläufer. Paula öffnet ihren Mund. Ihr Gesichtsausdruck wechselt von fragend hin zu Erstaunen. „Ich fasse es nicht. Der Fleck in der Mitte, das bin ich. Und die Strahlen stehen für Pia, Alex, Florian, meine Freundin Christina, meine Pension, meine Malerei und für die Partnerschaft. Letztere stellt die fade, welke Blume dar.“
Paula steht noch immer mit offenem Mund vor dem Bild als Florian das Atelier betritt. „Das ist wunderschön geworden, Mama.“
„Vielen Dank. Also gefällt es Dir?“
„Ja, sehr sogar. Für mich ist es das schönste Bild, das Du je gemalt hast.“
Beide schauen schweigend auf das Werk. „Wie heißt es eigentlich?“, fragt Florian nach vielen Wimpernschlägen.
„Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.“ Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu „Ich nenne es ‚Ausläufertreibend‘. Ja, der Titel passt würd ich sagen.“
Florian strahlt sie an. „Was soll es kosten? Ich möchte es kaufen, Mama.“
Paula nimmt ihren Sohn in beide Arme. „Ich schenke es Dir.“
„Ich räume jetzt mein Zimmer auf und suche einen Platz, wo ich es aufhängen kann.“ Wenig später hört sie wie er die Treppe hinauf springt.

***

„Ich muss eine Lösung finden und diese liegt nicht in Christians Antworten.“
Paule verlässt erleichtert das Atelier.
Am Abend, die Kinder liegen bereits in ihren Betten, geht sie zu Christian ins Atelier und schaut genau wie er einige Zeit ins Feuer.
„Christian, ich möchte, dass Du ausziehst.“
Er schaut sie an und mit Tränen in den Augen sagt er „Paula, ich habe einen Fehler gemacht. Ich weiß das. Aber musst Du jetzt gleich mit der Keule auf mich losgehen? Ich tue es nicht wieder. Ich werde diese Affäre beenden.“
„Siehst Du genau deswegen möchte ich, dass Du ausziehst.“
„Das verstehe ich jetzt nicht. Weswegen willst du….“
„Weil Du diese Affäre, wie Du es nennst, noch nicht beendet hast. Genau dieses Verhalten zeigt mir, dass Du unsere Partnerschaft nicht mehr ernst nimmst.“
„Paula, ich beende diese Beziehung gleich morgen. Ich verspreche es Dir.“
„Christian. Es ist gut jetzt. Ich meine es wirklich ernst. Ich hätte von Dir ganz klare Zeichen gebraucht und Antworten auf meine Fragen. Ich will so nicht weitermachen. Ich bleibe dabei. Du ziehst aus.“
„Ach ja, und Du glaubst, dass Du das Haus und die Pension allein erhalten kannst?“
Paula verlässt das Atelier ohne ein weiteres Wort.

Hermine - 15:00:10 @ Die Frau, die ihren Schutzengel umrannte | Kommentar hinzufügen

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