Lebendigkeit

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 Herzlichst Hermine und Reinhold

 

 


20.09.2021

Blatt einer Küchenrolle

Schutzengel.jpgIm Garten liegen nur noch wenige graue Schneereste. Die Luft trägt Frühling in sich. Sie trägt seinen Duft, seine zuversichtliche Wärme und den lauen Wind.
Paula packt die Koffer für ihre Jüngsten. Pia und Florian fahren mit ihrer Schulklasse ins Gebirge. Alex nimmt an einer Segeltour teil und besteht darauf seine Tasche selbst zu packen.
Bei dem Gedanken an die folgende Woche ohne ihre Kinder, überkommt sie Wehmut. Christian ist noch nicht ausgezogen. Sie hatte ihn mehrfach aufgefordert. Tief in ihr hatte sich eine Abwehrmauer errichtet. Paula will den Schmerz fernhalten, will ihn ausblenden. Wenigstens bis die Kinder ihre Reise antreten. Gleichzeitig weiß sie nicht weiter. Sie fühlt sich wie die Blumen an diesem einen Ausläufer, die bereits ihre einzelnen Blütenblätter verliert.
Am Tag der Abreise deckt Paula den Frühstückstisch besonders schön, kocht Eier, schmiert Brote und packt jedem ein Päckchen Lieblingskekse ein. An der Haustür umarmt sie jeden einzeln herzlich. „Ich wünsche Euch eine tolle Zeit.“
Sie fürchtet sich vor der Stille im Haus. Sie fürchtet sich vor den Worten, die nicht ausgesprochen werden und davor sie auszusprechen. Paula fürchtet sich vor dem Schmerz, der in ihr schlummert und jeder Zeit wieder erwachen kann.
Als sie die Glasplatte auf dem runden Tisch im Atelier poliert, erreichen Christians Worte ihr Ohr.
„Paula, wollen wir nicht endlich wie vernünftige Menschen wieder miteinander reden?“ Paula schaut ihn überrascht an.
„Worüber willst Du denn mit mir reden?“
„Na, wie es weitergehen soll.“
„Was genau soll denn weitergehen?“
„Unsere Ehe, dachte ich.“
„Ich habe Dir doch mehrmals gesagt, dass Du ausziehen sollst. Du bist immer noch hier. Ich verstehe Dich wirklich nicht, Christian. Was willst Du?“
„Ich will, dass unsere Ehe wieder so wird, wie sie war.“
„Dann hast Du nichts begriffen. Gar nichts. Es gibt kein Zurück, sondern nur ein Vorwärts. Also wie willst Du zurückkehren zu dem, was einmal war?“
„Dann hilf mir doch bitte. Ich kenne den Weg nicht.“
Paula schaut ihn an als ob sie ihn nicht versteht. „Was meinst Du damit, dass Du den Weg nicht kennst?“
Christian überlegt einige Zeit. „Ich weiß nicht was ich machen soll.“
„Das habe ich Dir doch gesagt. Du sollst ausziehen.“
„Das meine ich nicht. Ich weiß nicht was ich tun soll, um unsere Ehe zu retten.“
Paulas Blick sucht nach einem Anhaltspunkt. Sie sucht nach dem Mann, den sie einst geheiratet hatte. Sie sucht nach Christian.
„Das ist also der Grund, warum ich Dich nicht wahrnehmen kann. Du bist in ein Loch gefallen und weißt nicht, wie Du wieder herausklettern kannst.“
Sie stellt die Küchenrolle auf den Tisch, legt das abgerissen Stück dazu und stemmt ihre Arme in die Hüften.
„Ja, ich glaub so ähnlich ist das.“
„Aber es ist doch ganz klar, was Du tun musst.“
„Was genau, Paula, was genau muss ich tun?“
„Deiner Liebe folgen, Deinem Herzen.“
Die Furchen auf Christians Stirn werden tiefer und tiefer.
„Da ist nur noch Schmerz, Paula, nur noch Schmerz.“ Tränen laufen seine Wangen herab. Er setzt sich in einen der Korbsessel. Schluchzen erschüttert seinen gesamten Körper. „Ich bin von mir selbst so enttäuscht, Paula. Ich habe Dich immer geliebt, selbst wenn ich mit Marina zusammen war, waren meine Gedanken bei Dir. Trotzdem war ich so schwach und ich verstehe das nicht.“ Paula zieht ein Sitzkissen dichter zu seinem Sessel und lauscht seinen Worten. „Weißt Du, wenn die Kollegen von ihren amourösen Abenteuern berichteten, verstand ich sie nicht. Ich verstand nicht, warum sie ihren Frauen das antun. Und jetzt verstehe ich mich nicht.“ Tränen tropfen von seiner Nase. Paula greift die Küchenrolle, reißt ein Blatt ab und reicht es ihm.

Hermine - 16:56:10 @ Die Frau, die ihren Schutzengel umrannte | Kommentar hinzufügen

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