Lebendigkeit

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 Herzlichst Hermine und Reinhold

 

 


22.09.2021

Zufall oder nicht?

Schutzengel.jpg„Mein Herz fühlt sich so leer an, Paula, so unendlich leer.“
„Und nun? Was willst Du? Wie willst Du leben?“
Christian schweigt. Dennoch kann Paula sehen, wie es in ihm arbeitete, wie er sucht, dass er endlich sucht.
„Ich glaube, dass ich mit Dir leben will, Paula, mit Dir und den Kindern. Ich möchte das alles nicht aufgeben. Ich war doch glücklich, unendlich glücklich.“
„Was hast Du dann bei dieser anderen Frau gesucht, Christian?“
Wieder herrscht Schweigen im Atelier.
„Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht.“
„Dann mache ich Dir einen Vorschlag: Wenn Du mir diese Frage beantworten kannst, reden wir weiter. Ich gehe jetzt ins Bett, mein Tag war sehr lang und zehrend.“ Mit diesen Worten nimmt sie die Küchenrolle und das Stück mit dem sie den Tisch geputzt hatte und verlässt den Raum.
Paula träumt in dieser Nacht von einer Wiese mit blühenden Blumen. Sie sieht Gänseblümchen, Traubenhyazinthen, Schlüsselblumen, Vergissmeinnicht, Veilchen, Mittagsblumen, Ringelblumen und andere, deren Namen ihr nicht bekannt sind. Sie läuft barfuß über die bunte Wiese, beginnt zu hüpfen und dreht sich während sie beide Arme ausbreitet. Hinter ihr hüpfen und drehen sich Christian, Alex, Pia und Florian. Alles geschieht unglaublich leicht, federartig. Die Sonne scheint sanft auf die Familie herab.

***

Als sie erwacht fühlt sie sich ausgeruht wie schon viele Wochen nicht mehr. Der Tagesablauf gestaltet sich auf neu, auf ungewohnte Weise. Sie geht zuerst hinaus in die Natur, betrachtet die ersten Knospen an den Zweigen der Sträucher, schaut dann in die Zimmer der Pension und öffnet die Fenster. Zurück im Haus, deckt sie den Frühstückstisch, stellt die Kaffeemaschine an, schlüpft in Schuhe und Jacke, lässt die Haustür hinter sich zufallen und geht wenige Schritte zum Blumenladen. „Guten Morgen, Fritzi.“
„Guten Morgen, Paula.“ Die Freundinnen umarmen sich. „Wie geht es Dir? Hat sich Christian endlich aufgerappelt?“
„Ich weiß noch nicht so genau. Gestern hatten wir zumindest den Anfang eines guten Gespräches.“
„Na, das ist doch schon mal eine gute Nachricht. Aber deswegen bist Du nicht hier, oder?“
„Nein, ich möchte einen kleinen Strauß für den Küchentisch. Ich muss mich mal belohnen.“
„Schau mal, ich habe den hier gerade gebunden. Wie gefällt er Dir?“
„Sehr gut, den nehme ich. Der ist so bunt wie die Wiese, die ich heute im Traum sah.“
„Ich schenke ihn Dir.“
„Och, das ist aber lieb. Vielen Dank, Fritzi.“ Sie schaut ihre Freundin an, greift in ihre Manteltaschen. „Weißt Du was, ich habe auch gar kein Portemonnaie dabei. Das ist ja ungewöhnlich, findest Du nicht? Ist das Zufall?“
„An Zufälle glaube ich schon lange nicht mehr.“
„Ich danke Dir, Fritzi. Wie geht es Michael?“
„Seine Reha ist beendet. Die Ärzte sagen, dass er eventuell wieder laufen lernt. Aber sicher ist das wohl noch nicht.“
„Ich habe große Lust Euch zum Wochenende einzuladen. Allerdings macht das keinen Sinn, wenn Christian noch nicht bereit ist.“
„Ich verstehe Dich. Lass es uns spontan entscheiden. Ruf einfach an, wenn es bei Euch passt, wenn nicht, dann nicht.“
„Das ist gut. Bitte grüße Michael von mir. Mach‘s gut, Fritzi.“
„Tschüss, Paula.“
Auf dem kurzen Heimweg kreisen Paulas Gedanken um diesen Zufall, der keiner zu sein scheint.

Hermine - 14:46:12 @ Die Frau, die ihren Schutzengel umrannte | Kommentar hinzufügen