Lebendigkeit

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02.12.2021

Abschied oder Chance?

CIMG1568 Ponferada Templerburg.jpgIm gleichen Augenblick fällt ihr jedoch ein, dass es weder einen Termin einzuhalten noch eine Pflicht gibt, die sie ruft, und Carla sinkt zurück in ihr Kissen unter dem Kopf. Wenig später geht sie ins Bad, lässt ihre Kleidung in den Wäschekorb fallen und das warme Wasser über ihren Körper perlen. Als sie endlich wieder in der Küche ist, duftet es nach Kaffee, abgebranntem Streichholz und frischen Brötchen.
„Guten Morgen, Raphael.“
„Guten Morgen.“
„Hast Du gut geschlafen?“
„Mmmh.“
„Weißt Du, ich habe zurzeit enorme Schwierigkeiten einen Text für die Redaktion zu schreiben. Mir ist, als gäbe es nichts Wichtiges mehr auf dieser Welt, das es wert wäre, veröffentlicht zu werden. Ich weiß überhaupt nicht, worüber ich berichten soll. Ist nicht alles bereits gesagt?“
„Da kann ich Dir auch nicht helfen.“
„Aber anschauen könntest Du mich, wenn ich mit Dir rede.“
„Ich esse gerade.“ Verdutzt und mit einer Miene, die Missmut ausdrückt, schaut er auf.
Carla blättert in einigen Zeitungen, überfliegt die Schlagzeilen und legt sie beiseite. „Ich habe nicht nur keine Lust etwas zu schreiben, sondern das, was Geschrieben wurde, interessiert mich auch nicht.“ Sie spricht es in den Raum hinein, so als rede sie eher mit dem Küchenbuffet als mit Raphael.
„Ich denke Du warst gestern bei der Gerichtsverhandlung? Über das Urteil willst Du nicht schreiben?“
„Nein. Es war das wahrscheinlich zwanzigste in dieser Sache und sie ähneln sich alle sehr. Ich bin anschließend durch die Stadt gelaufen, habe einige Menschen gefragt, was sie dazu meinen. Es kam nichts. Sie scheinen ebenso wenig interessiert, wie ich.“
Carla geht in die obere Etage, setzt sich an den Schreibtisch, sieht ihre E-Mails durch und beantwortet die Einladung ihrer Freundin zu einer Kurzreise mit einer spontanen Zusage.
„Du Raphael, ich fahre am Wochenende zu Bella.“, erzählt sie ihrem Mann als auch er das große Zimmer betritt.
„Was schon wieder?“
„Ja, außerdem ist meine letzte Reise zu dieser wertvollen Freundin bereits ein halbes Jahr her.“
„Ich würde gerne mal wieder mitkommen.“ Während er spricht, schaut er sie zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich an. Er wirkt irgendwie verloren, fast hilflos auf sie.
In Carlas Innerem spürt sie eine Weichheit, die sie von früher kannte. Sie hatte dieses Empfinden komplett vergessen. Wohin hatte es sich zurückgezogen? Und warum?
„Ich verstehe Dich, Raphael. Aber ich muss noch einmal allein fahren. Irgendwie brauche ich die Gespräche mit ihr mehr als jemals zuvor.“
Raphael senkt seinen Kopf, schaut zu Boden und als er spricht, klingt seine Stimme belegt. „Haben wir noch eine Chance?“
„Was meinst Du?“ Carla sieht ihn erstaunt an.
„Glaubst Du wirklich, dass ich nicht spüre, wie wir uns voneinander entfernt haben?“
Carla richtet ihren Blick aus dem Fenster ohne wirklich etwas zu sehen. Alles ist weit entfernt, selbst Raphael, der Garten, ihr gemeinsames Haus. Nach einer langen Pause, Raphael schnäuzt in sein Taschentuch, kehrt sie mit samt ihrer Aufmerksamkeit zurück in die Küche.
„Bei uns läuft einiges schief, findest Du nicht?“, richtet sie sich an ihn.
„Nein, ich verstehe nicht, was Du meinst.“
„Wir schauen uns kaum noch an. Es ist als ob es selbstverständlich wäre, dass wir hier gemeinsam leben. Das ist es aber nicht. Es ist gar nichts selbstverständlich in dieser Welt und damit ist es auch nicht selbstverständlich, dass ich hier täglich schreibe, koche und putze. Nicht einmal meine Anwesenheit in diesem Haus ist selbstverständlich.“
„Willst Du jetzt ausziehen?“

Fortsetzung folgt……

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Herzlichst Hermine

Hermine - 16:54:16 @ Eine alte Welt zerfällt | Kommentar hinzufügen